Das Licht geht aus, der Raum versinkt in Dunkelheit. Eine Computerstimme zählt auf Englisch bis drei, dann dröhnt laute Musik aus den Lautsprechern. Sekunden später erscheinen nacheinander die bunten Silhouetten verschiedener Personen. Hunderte LED-Lichter in Blau, Rot und Weiss erleuchten ihre Körper, während The Blackouts, wie sich die Gruppe nennt, rhythmisch zum Beat tanzen.
Es werde Licht! Hinter der aufwendig inszenierten Magie steht ein Team aus neun Tänzerinnen und Tänzern, vier Trommlern und Technikern aus der ganzen Schweiz.
Remo BuessFür die LED-Künstler ist es der zweite von drei Tagen, an denen sie für ihren Auftritt in der Castingshow «Britain’s Got Talent» proben. Seit acht Uhr morgens sind sie vor Ort. «Es ist mega anstrengend, auch wenn unsere Performance eigentlich nur zweieinhalb Minuten dauert», sagt Elias Schneider (32). Der St. Galler ist eines der vier Gründungsmitglieder der LED-Truppe. Auf der Stirn des Tänzers glänzen Schweissperlen. Sein Bruder Jonas (34) ebenfalls Gründungsmitglied und zuständig für die Programmierung der LED-Lichter, ergänzt: «Alles muss sitzen. Wir möchten den Briten eine noch spektakulärere Show bieten!»
Die Neuste im Bunde: «Die Anzüge sind etwas unbeweglich und sehr heiss», sagt Tänzerin Flynn.
Remo BuessBegeisterung in Grossbritannien
Mit ihrer LED-Performance – bestehend aus modernster Lichttechnik, Tanz, Trommlern und visuellem Storytelling – verblüffte die 15-köpfige Truppe aus der Schweiz Anfang März im englischen Blackpool sowohl Publikum als auch die Jury so sehr, dass sie neben minutenlangen Standing Ovations per «Jury Golden Buzzer» von allen vier Jurymitgliedern in den Halbfinal am 26. April in London befördert wurden. «Schon von einer Juryperson einen goldenen Buzzer zu bekommen, ist selten. Dass gleich alle vier für uns drückten, ist eine Riesenehre», freut sich Elias.
Zeigen sich zufrieden: die Brüder Jonas (l.) und Elias Schneider in einer kurzen Verschnaufpause bei den Proben.
Remo BuessWas The Blackouts bei ihrer zweiten Performance bei «Britain’s Got Talent» aufführen, bleibt ihr Geheimnis. Insgesamt sind 103'350 LED-Lichter in Anzüge und Requisiten verbaut, die auf 25 Millisekunden genau und in verschiedenen Farben und Mustern zur Musik programmiert werden können. All das geschieht in ihrem Atelier in Walenstadt. Ein heller Raum, vollgepackt mit Elektronik und Technik. Hier bauen Jonas, Elias sowie die weiteren Gründungsmitglieder Manuel Wildhaber (31) und Raphael Broder (32) Requisiten wie ein Londoner Taxi, löten die selbst designten LED-Platten zusammen und kleben sie an die schwarzen Anzüge. Jonas: «Die Fertigstellung eines Anzugs dauert rund drei Monate.»
Funktioniert alles? Jonas Schneider, verantwortlich für die Programmierung, überprüft den Akkustand der LED-Anzüge.
Remo BuessBegonnen hat die Erfolgsgeschichte 2014 – im Turnverein Walenstadt. In seinem WG-Zimmer, das er damals mit seinem Bruder bewohnte, tüftelte Jonas für den ersten Auftritt an einer Turnunterhaltung an Anzügen mit LED-Streifen. Das Tanzen wurde in der Tiefgarage geübt. «Wir hatten noch keinen Namen, wollten einfach etwas ausprobieren. Ich war schon als Primarschüler fasziniert von Elektronik und der neusten LED-Technik», erzählt er. Und ergänzt: «Die ersten Anzüge waren weniger komplex.» Dass sie mit The Blackouts so erfolgreich sein würden, hätten die vier Männer nie gedacht. Auch wenn sie 2016 in der SRF-Sendung «Die grössten Schweizer Talente» im Final standen und 2024 in der deutschen Castingshow «Das Supertalent» begeisterten.
Die Technik hinter der LED-Show: Hier werden elektronische Bauteile auf eine Leiterplatte bestückt und verlötet.
Remo BuessTräume und Herausforderungen
Die LED-Spezialisten gründeten eine eigene GmbH und haben mittlerweile jedes Jahr über 100 Auftritte an verschiedenen Anlässen. Elias, der zuvor in der Lebensmittelindustrie gearbeitet hat, erzählt: «Wir können sehr gut von The Blackouts leben.» Das würden jedoch nicht alle Leute verstehen, besonders jene im Dorf nicht. «Sie fragen sich, was wir den ganzen Tag machen», sagt Manuel. Für die meisten sei es nicht nachvollziehbar, wie aufwendig so eine Show sei. «Allein die Auftritte sind ein 50-Prozent-Pensum. Daneben machen wir Administration, Produktion und Programmierung.» Auch für andere Künstler haben sie schon LED-Technik bereitgestellt, darunter die Luzerner Band Hecht. «Für einen weiteren Job bleibt da keine Zeit.»
2014 haben sie The Blackouts gegründet: Jonas Schneider, Manuel Wildhaber, Raphael Broder und Elias Schneider (v. l.).
Remo BuessIhr grösster Traum: einmal eine 90-minütige Show auf die Beine stellen. «Aktuell dauern unsere Auftritte rund sieben Minuten. Wir könnten aber viel mehr aus unseren Shows herausholen», so Raphael. «Finanziell ist das aber gerade nicht machbar.» Für den Moment fokussieren sie sich nun ganz auf «Britain’s Got Talent». Was, wenn sie die Show gewinnen und das Preisgeld in Höhe von 250'000 Pfund mit nach Hause nehmen? «Wir leisten uns ein grösseres Atelier», tönt es unisono von den Künstlern. Sie lachen laut. Elias ergänzt: «Sicher wäre es cool zu gewinnen. Uns ist aber vor allem wichtig, so viele Leute wie möglich zu begeistern – alles andere nehmen wir mit als Bonus.» Sagt es, ehe er und The Blackouts im Dunkeln verschwinden und nur noch ihre Silhouetten in bunten Lichtern erstrahlen.