Gerade bin ich aus New York, wo ich momentan wohne, in Bogotá, Kolumbien, angekommen und fahre im Abendlicht zum Fitting und der Hair-and-Make-up-Besprechung für den Job morgen. Im Hotel eingecheckt wird erst später und viel Zeit zum Schlafen bleibt auch nicht - ich werde morgen bereits um 6 Uhr abgeholt, um ins Studio zu fahren.
ZVGKurz, aber zum Glück erholsam war er, mein Schlaf. Ich freue mich aufs Team und auf alle neuen Eindrücke - ich war zuvor noch nie in Kolumbien!
ZVGUnd wie bitte hätte man sich auf das tropisch feuchte und regnerische, aber auch immer wieder warme und sonnige Wetter in Bogotá auf ca. 2000 Meter über Meer vorbereiten sollen? Hier meine sehr improvisierte Kombi aus Einzelteilen meiner Wintergarderobe von NY.
ZVGNix mit Studio, wie ich soeben erfahre - wir drehen «auf Location», sprich in einem schönen alten Haus, cool! Schade nur, dass diese Villa von einem prächtigen Garten von seltenen tropischen Pflanzenwundern umgeben ist. Super, Heuschnupfen «exotic edition» lässt grüssen. Ich kriege ein kolumbianisches Antiallergikum, das mehr Schlafmittel als unsere rezeptpflichtigen Tabletten beinhaltet. Ab jetzt heisst es nur noch: durchhalten und sich wachrütteln für die nächsten 15 Stunden, oje!
ZVGOk, sagen wir es mal so, in meinem Job werden Träume verkauft und dementsprechend wird man auch «gepimpt» für den Einsatz vor der Kamera. Hier leimt mein Hairstylist Rudy wunderschöne Echthaar-Extensions an meine Kopfhaut - damit werde ich von jetzt an aber auch 5 Nächte lang schlafen müssen (autsch!).
ZVGNach den ersten zwei Stunden für Haare und Make-up werde ich ans Set gerufen und lerne diese Jungs kennen - sie müssen das Licht und die Kamerapositionen und -winkel für die erste Szene einrichten. «Lichttest» wird das genannt... Und es kann dauern!
ZVGZurück in die Maske für den letzten «Touch-up», bevor es los geht! Mein Make-up-Artist Victor und ich haben, wie immer, noch kurz Zeit für ein Selfie, nachdem er meine «Maske» tiptop fixiert hat.
ZVGEs wird gedreht, eine Szene nach der anderen. In diesem Fall bin ich die Hauptdarstellerin der TV-Werbung und spiele eine Mutter. Ich drehe also Szenen mit einer fiktiven Tochter, einem fiktiven Ehemann, aber auch ganz viele Beauty-Szenen alleine. Zusätzlich bekomme ich ein winziges Mikrofon angeklebt und spanischen und englischen Text, da der Werbespot weltweit erscheinen wird. Wenn meine Sprachkünste einigermassen verständlich klingen, werden sie auch wirklich meine Stimme nehmen. Naja, mal schauen...
ZVGWers nicht mit den Kohlenhydraten macht, macht es mit der Menge. Breakfast for Champions am Set zwischen einer Szene und der anderen. Ich nutze diese kurzen Pausen gerne, um mit den Kolumbianern am Set meine knappen Spanisch-Kenntnisse aufzufrischen. Das funktioniert aber nicht wirklich, weil vor lauter Kulturenmix in meinem Kopf nur noch ein grosses Durcheinander herrscht - da werden gerne mal spanische oder deutsche Wörter mit italienischen, französischen oder englischen verwechselt. Da hämmer de Salat! Und trotzdem versteht man sich.
ZVGDer grosse Vorteil am Job als Model ist das viele Reisen - der grosse Nachteil ist, dass man nie wirklich etwas mitbekommt vom Ort, an dem man arbeitet. Also nutzen Rudy und ich die Mittagspause, um kurz rauszugehen und ins wunderbare Bogotá einzutauchen.
ZVGWir kaufen uns ein Stück Quarzstein aus der Region, geladen mit positiver Energie, als Erinnerung an diese (für beide) erste Begegnung mit Kolumbien.
ZVGGanz schnell zurück in meine Rolle, umziehen und Haare und Make-up auffrischen - but first let me take a Selfie. Haha!
ZVGWas ich im Gegensatz zu Fotoshootings an Drehs liebe, ist, dass du richtig schauspielern, fast schon übertreiben musst oder kannst, um glaubwürdig zu wirken. Ich suche mir immer einen Bildschirm aus, auf dem das Replay der jeweiligen Szene läuft, das sich der Kunde anschaut. Man kann dann bei der nächsten Klappe sofort Fehler korrigieren oder gar bewusst ganz anders wirken.
ZVGNach etwa 14 Stunden sind alle Szenen im Kasten, ich darf mich von Make-up, Extensions und Set-Klamotten befreien. Die Stimmung ist supergut, alle sind zufrieden und da blödelt man gerne mal ein bisschen rum, wie hier die Art-Direktorin Anke mit dem Replay meiner letzten Szene.
ZVGAn diesem Dreh haben sehr viele Leute mitgewirkt - da sind Eigenschaften wie Teamwork, Professionalität, viel Geduld, Ausdauer und eine gewisse soziale Ader mehr als notwendig. Gute Zusammenarbeit, und was man dabei lernt, sind meiner Meinung nach die grösste Genugtuung und Bereicherung in diesem Business. Das ist es, was du nachher mit nach Hause oder zum nächsten Job nimmst - dein Erfahrungsschatz. Der Job als Model kann in gewisser Hinsicht wirklich eine Lebensschule sein.
ZVGSie ist selten, aber manchmal gibt es sie doch: die Zeit, kurz anzustossen und zusammen etwas zu essen. Hier sind wir im «Cacio & Pepe» in Bogotá, einem angesagten neuen Restaurant, das mich sehr an New York erinnert. «El pescado del dia, un poco de ceviche y una cerveza, por favor», und alle sind happy. Volle Bude, Latin Music und sehr offene Leute - das ist Bogotá und wir lieben es schon jetzt.
ZVGFür mich geht es jetzt weiter via Nachtflug über Washington in die Schweiz. Durch Bogotá fahren, ein bisschen dösen und kolumbianische Musik hören? Ich bin zwar todmüde und habe viele Flugstunden und Zeitverschiebung vor mir, aber es gibt definitiv Schlimmeres! Im Handgepäck mit dabei: warme Socken, (für alle Fälle) mein Outfit für den Job in der Schweiz, kolumbianischer Kaffee für meine Mutter und aktuell das Buch «Sprache ohne Worte». Also: off to the next und tschüss!
ZVGAh, hätte ich fast vergessen: Es gibt auch Schlimmeres, als über dem türkisfarbenen Golf von Mexiko aufzuwachen...
ZVG