1. Home
  2. Family
  3. Familien-Geschichten
  4. Werner Schlegel: Toggenburger Schwinger auf Königskurs
Zu Besuch bei Schwinger Werner Schlegel

In «Dädis» Fussstapfen auf dem Weg zur Krone

Muskelkraft und ein eiserner Wille: Eine Karriere als Spitzenschwinger war nie ­Werner ­Schlegels Plan. Doch heute zählt der 22-jährige Hüne zu den talentiertesten ­Athleten der Schweiz. Kein Wunder, denn das Sägemehl ist bei Schlegels genauso Familiensache wie der väterliche Bauernhof.

Artikel teilen

<p>Werner Schlegel auf dem Hof seines Vaters in Hemberg SG, wo der junge Schwinger zu etwa 40 Prozent arbeitet.</p>

Werner Schlegel auf dem Hof seines Vaters in Hemberg SG, wo der junge Schwinger zu etwa 40 Prozent arbeitet.

Fabienne Bühler

 

Alle warteten gespannt darauf, wie Werner Schlegel dieses Jahr auftreten würde – schliesslich galt er nach einer herausragenden letzten Saison als einer der heissesten Anwärter auf den Schwingerkönig-Titel. Dann der Schock: Beim Rheintal-Oberländer Verbandsschwingfest in Kriessern blieb der 22-Jährige nach einem An-griff von Dominik Gasser plötzlich mit schmerzverzerrtem Gesicht liegen – für Schlegel war das Fest vorbei. Ein paar Tage später gibt er Entwarnung: «Es ist nicht so schlimm wie anfangs gedacht, es ist nur eine kleine Verletzung am Fuss. In einer Woche kann ich hoffentlich wieder im Sägemehl stehen.»

Auf dem Hof im sankt-gallischen Hemberg streut Werner Schlegel den Kühen in der Zwischenzeit frisches Stroh ein. Jemand ist eifersüchtig: Hund Bärli bellt laut und rennt durch den Stall. Der Toggenburger legt die Mistgabel beiseite und streichelt über das Fell von Bärli. «Sitz!», sagt er dann aber streng, und der Mischling gehorcht seinem 1,89 Meter grossen Besitzer sofort. Bis vor einem Jahr wohnte Werner Schlegel noch auf dem Hof seines Vaters Ruedi (53) jetzt lebt er mit Freundin Lea Egli (25) drei Kilometer weiter in einer Wohnung. Der gelernte Zimmermann packt hier aber normalerweise zwei Tage pro Woche mit an – schliesslich gehören einige der Kühe im Stall dem Sportler – er hat sie als Preise erhalten. «Es ist schön, wenn ich die Kühe sehe, die ich gewonnen habe. Es erinnert mich dann sofort wieder an diese Tage.»
Werner Schlegel gehört mittlerweile zur Spitze der Schweizer Schwingerszene. 2024 feierte er vier Kranzfestsiege, unter anderem am Schwarzsee-Schwinget und am Nordostschweizer Schwingfest. Oft wird er mit Schwinglegende Jörg Abderhalden verglichen – der ebenfalls aus dem Toggenburg stammt. «Als Kind habe ich zu ihm heraufgeschaut. Das ist schon eine Ehre.» Die St. Galler Talschaft scheint Schweizer Stars nur so auszuspucken: Mit «The Voice of Switzerland»-Gewinner und ESC-Sänger Remo Forrer ging Schlegel drei Jahre zur Schule.

<p>Ein Jass zwischendurch mit Vater Ruedi. Die Kuhglocken sind Schwingpreise von Ruedi, Werner und seinen Brüdern.</p>

Ein Jass zwischendurch mit Vater Ruedi. Die Kuhglocken sind Schwingpreise von Ruedi, Werner und seinen Brüdern.

Fabienne Bühler

Wie der «Dädi»

Schlegels Weg fängt früh an. Vater Ruedi schwingt bereits, gewinnt fünf Kantonalkränze. Schlegels grosse Brüder trainieren ebenfalls. «Ich wollte immer mit, war aber noch zu klein», erinnert sich der Hüne. Er wächst dann aber doch schneller als gedacht – und macht mit sechs Jahren an seinem ersten Juniorenschwingfest mit. Verbotenerweise – die Teilnahme ist erst ab acht Jahren erlaubt. «Ich habe einfach einen falschen Jahrgang angegeben, niemand hats gemerkt», erzählt er. Spitzensportler zu werden, war nie das Ziel. «Ich hatte einfach Spass am Sport.»

Ruedi Schlegel ist mächtig stolz auf seinen Jüngsten. «Es ist eine Genugtuung, wenn dein Sohn denselben Weg einschlägt. Und dann noch so gut ist! Bei seinen Kämpfen bin ich bestimmt nervöser als er – weil ich nichts tun kann!» Die beiden Männer lachen. Damit Ruedi Werner im Sägemehl anfeuern kann, schaut in dieser Zeit jeweils Werners grosser Bruder Beni (26) auf den Hof. «Die Unterstützung meiner Familie bedeutet mir viel.» Auch modetechnisch kommt er nicht zu kurz: Grossmutter Bethli Schlegel näht jedes Jahr zum Geburtstag für alle Enkel ein traditionelles Toggenburger Edelweisshemli – massgeschneidert natürlich.

<p>Alberta ist die Tochter von seinem ersten Lebendpreis Alaska, die er am St. Galler Kantonalen in Tübach gewann.</p>

Alberta ist die Tochter von seinem ersten Lebendpreis Alaska, die er am St. Galler Kantonalen in Tübach gewann.

Fabienne Bühler

Neue Impulse

Obwohl es Schlegels beste Saison überhaupt war, flachte der Erfolg gegen Ende ab. «Das war schwierig. Und gleichzeitig ein Lehrblätz. Ich muss ein paar Dinge verbessern.» Schlegel trennt sich von Erfolgsathletiktrainer Robin Städler, der bereits Jörg Abderhalden, Damian Ott und Armon Orlik schliff. Nach fünf Jahren braucht Schlegel neue Impulse, wechselt ins Rotor-Team – ein Leistungszentrum im liechtensteinischen Balzers. Die Saisonvorbereitung ist hart: Im Winter sinds vier Krafteinheiten und vier Schwingtrainings pro Woche. Wegen des verletzten Fusses geht er im Moment zusätzlich noch in die Physio. Schlegel fügt hinzu: «Schwingen ist eine extreme Willenssache. Derjenige, der bereit ist, mehr zu leiden, holt auch mehr heraus.» Er fühle sich wohl im neuen Umfeld. «Der Schwingsommer wird dann zeigen, obs gefruchtet hat.»

<p>Tier- und Hofpflege sowie auch Holzhacken gehören zu Schlegels Aufgabenbereich. Mit Holz kennt sich der gelernte Zimmermann aus.</p>

Tier- und Hofpflege sowie auch Holzhacken gehören zu Schlegels Aufgabenbereich. Mit Holz kennt sich der gelernte Zimmermann aus.

Fabienne Bühler

Ein neuer Traum

Schlegel will punkto Kranzfestsiege nachdoppeln. Und beim Eidgenössischen Schwingfest in Mollis GL ganz vorne ein Wörtchen mitreden. Sein grosser Traum: einmal Schwingerkönig sein. «Früher habe ich nicht davon geträumt – aber jetzt ist es ein realistisches Ziel geworden.»Dabei unterstützt ihn seine Lea, die als Lehrerin in Wattwil arbeitet. Seit drei Jahren sind die beiden ein Paar. Schon bevor Lea ihren Werner im Ausgang kennenlernte, verfolgte sie den Schwingsport. Sie begleite ihn oft an Schwingfeste – «sie kommt also nicht nur wegen mir», betont Schlegel lachend. Die Verletzung ist für den Schwinger nur ein kleiner Rückschlag – sein grosser Traum bleibt. Und vielleicht wird dieser ganz bald wahr.

Von Yara Vettiger vor 1 Stunde