Dass Babys die Beziehung ihrer Eltern auf die Probe stellen, ist kein Geheimnis. Warum aber ist das so und was können Paare machen, um trotz Kindern die Paarbeziehung aufrecht zu erhalten?
Wir haben beim Coaching- und Ehepaar Jeannette Hansen Schärer (49) und Thomas Schärer (52) nachgefragt.
Liebe Jeannette, lieber Thomas, wie verändert sich eine Beziehung, wenn aus einem Paar eine Familie wird?
Jeannette: Wenn ein Baby geboren wird, verändert sich die ganze Dynamik eines Paares.
Thomas: Vor allem dem Fokus der Frau wird alles abverlangt. Sie hat es quasi in der DNA, dass die eine perfekte und liebevolle Mutter sein will. Dazu kommt, dass sie erst geboren hat. Nebenbei soll sie aber auch noch eine tolle Ehefrau sein. Das ist so viel, dass das fast nicht zu bewältigen ist.
Jeannette: Am Anfang beginnt die Frau ihre Liebe zu verteilen. Instinktiv fühlt sie, dass das Baby ganz viel Liebe und Geborgenheit braucht. Also richtet sie ihren kompletten Fokus auf das neue Familienmitglied. In der westlichen Welt, wo wir nicht so leben, dass ein ganzes Dorf ein Kind aufzieht, ist das ein Kräfteakt, der die ganze Kapazität von Müttern fordert. Der Mann sieht sich plötzlich mit einer neuen Situation konfrontiert. Er verliert quasi seine Partnerin und hat plötzlich ein Mami neben sich, das ihm nicht mehr die Aufmerksamkeit gibt, die er sich gewohnt war. So wird der frisch gebackene Vater mit seiner eigenen Bedürftigkeit konfrontiert.
Kann sich ein Paar auf die Elternschaft vorbereiten?
Thomas: Das würden wir uns wünschen. Anderseits bräuchte es uns dann weniger. Die Krux liegt wohl da, dass wir alle nicht gelernt haben zu kommunizieren. Zumindest nicht so, dass wir verstanden, gesehen und gehört werden. Wenn Kinder zur Welt kommen, wird ein Paar mit der kompletter Überforderung konfrontiert. Da wäre es umso wichtiger, dass das Paar schon im Vorfeld gelernt hat, miteinander zu kommunizieren.
Jeannette: Manchmal vergessen Erwachsene, die zusammen kommen, dass sie zwar erwachsene Körper haben, die aber auch das innere Kind beherbergen. Wir haben alle ein Rucksäckli zu tragen und Themen, die uns ausmachen. Natürlich wäre es am besten, wenn wir all das lösen, bevor wir Eltern werden, das ist aber ein theoretisches Wunschdenken. Ich sage gerne, dass Grosseltern eigentlich die besten Eltern wären. Sie haben einen riesigen Erfahrungsschatz und eine innere Ruhe und Gelassenheit.
Was sind konkret die grossen Herausforderungen wenn aus einem Paar eine Familie wird?
Thomas: Männer erleben oft Existenzängste. Der Druck, dass sie eine Familie ernähren müssen und dazu auch noch Ferien ermöglichen sollten und dem neuen Lebewesen möglichst noch mehr ermöglichen sollten als sie selber bekommen haben, ist sehr gross. Die Frau steht ebenfalls unter Druck. Sie will die perfekte Mutter sein, im Inneren und im Äusseren will sie den Schein bewahren, dass sie alles bestens im Griff hat. So hat der Mann im Berufsleben Druck und ist gestresst, dann kommt er heim und muss den familiären Druck aushalten. Derweil will die Frau gesehen und entlastet werden. Dass diese Situationen zu Spannungen führen, ist sehr verständlich.
Jeannette: Wir leben in einer leistungsorientierten Gesellschaft. Leider haben wir keine Zeit für Ruhe, Entspannung und dafür, in uns reinzuhorchen und rauszufinden, was wir denn brauchen und was uns antreibt.
Bei vielen Paaren, die ein Kind bekommen, wird aus Nähe Distanz. Warum?
Jeannette: Ich erkläre diese Situation gerne anhand von Käse. Wir kommen als Emmentaler zusammen. Wir haben viele Löcher, unsere Mängel sind nicht gedeckt. Als Paar werden wir quasi zum Magnet. Wir decken gegenseitig unsere Bedürfnisse ab. Das funktioniert so lange, bis ein Baby da ist. Ist ein Kind auf der Welt, verlagert sich alles. Wir sind aber immer noch Emmentaler und haben Löcher. Wenn wir aber leer und ausgelaugt sind sind, können wir keine Löcher mehr stopfen.
Thomas: Wenn Kinder da sind, werden auch eigene Bedürfnisse immer stärker. Männer wollen Nähe und Zärtlichkeit, Frauen derweil haben schon den ganzen Tag viel körperliche Nähe gegeben und mögen einfach nicht mehr. Da prallen zwei Welten aufeinander, die im Teufelskreis enden, wenn das Paar nicht aktiv etwas dagegen tut. In unseren ersten Sessions zum Beispiel erklären wir erstmal, wie es überhaupt zu dieser Situation kommt. Das hilft beim Verstehen des Fakts, dass nicht der Partner falsch oder schuld ist, sondern die Situation nicht gedeckte Bedürfnisse zu Grunde liegt, die sich durch Emotionen erkenntlich zeigen.
Jeannette Schärer Hansen und Thomas Schärer sind ein Paar- und Caoaches.
ZVGKann man sagen, dass der Familienalltag ein Liebeskiller ist?
Jeannette: Ja, absolut! Werfen wir mal einen Blick nach zum Beispiel Italien. Da haben früher mehrere Generationen zusammengelebt, die einander unterstützt haben. Eltern hatten mehr Platz, Ruhe und Kapazität. Eine grosse Bereicherung. Wir leben hierzulande nicht so. Unterstützung und Entlastung zu holen, ist für viele Paare ganz schön herausfordernd oder sogar befremdend, wir haben die innere Erwartung, es alleine schaffen zu müssen.
Thomas: Der Alltag kann definitiv ein Liebeskiller sein. Das muss aber nicht sein. Kommunikation ist auch hier der Schlüssel. Kommunikation und Auszeiten, die man sich als Paar schafft. Ich wünsche mir, dass Paare mehr Mut hätten, Nachbarn, Freunde und die Familie um Hilfe zu bitten, damit sie mal wieder zu zweit ausgehen können.
Reden wir über körperliche Nähe: Wie kann man das Sexleben trotz Elternschaft aufrecht erhalten?
Jeannette: Schön ist es, wenn das Paar nicht nur den klassischen Sex, sondern die Sexualität als Ganzes sieht. Damit diese funktionieren kann, braucht es, so unsexy es auch klingt, auch hier wieder Kommunikation. Man weiss, dass in der Kommunikation viel Nähe und Intimität entstehen kann, wenn man sich verletzlich und ehrlich begegnen kann.
Thomas: Oft sind die Bedürfnisse unterschiedlich. Die Frau will emotionale Nähe, der Mann körperliche. Oft denken Männer, dass alles stimmt, wenn man Sex hat. Dabei geht es auch Männern gar nicht primär um den klassischen Sex, sondern um die Nähe, Zuneigung und die Verbindung. Man kann dem Partner auch gut mal einfach eine Massage schenken und so den sexuellen Druck rausnehmen.
Ihr betont beide stets die Kommunikation. Wie lernt denn ein Paar richtig zu kommunizieren?
Thomas: Hier gilt es für beide sich bewusst zu machen, dass man sich auf eine neue Ebene begibt. Beide stehen wie beim Punkt Null. Oft kommt es zu berührende Schlüsselerfahrungen. Wenn die Männer erstmals Zugang zu ihren Gefühlen bekommen, lässt lang aufgestauter Druck nach, es brechen ganze Schutzmauern ein.
Jeannette: Das Spannende ist, dass wir den ganzen Tag nur über Gefühle und Bedürfnisse reden und dabei oft keine Ahnung haben, was uns wirklich umtreibt. Kommunikation muss von Grund auf gelernt werden. Und zwar komplett bedürfnis- und gefühlsorientiert.
Happy Familylife ist mit der richtigen Kommunikation gar nicht so schwer.
Getty Images/iStockphotoWird es für ein Paar einfacher wenn die Kinder grösser werden?
Thomas: Wir erleben oft das Gegenteil bei uns in der Praxis. Viele halten quasi durch bis die Kinder raus sind. Meist sind sie sich dann schon sehr fern, sind fremdgegangen und haben sich schon längst innerlich verloren. Sie sind sich sicher, dass es ganz einfach wird mit der Trennung, wenn die Kinder raus sind. Dabei fühlen sich beide schon sehr lange nicht mehr wohl, denken aber, dass sie den Kindern zuliebe etwas durchziehen müssen, das sie eigentlich schon lange nicht mehr fühlen.
Jeannette: Wenn man als Paar nicht gelernt hat, leicht und freudig miteinander unter einem Dach zu leben, dann wird es ganz sicher nicht einfacher. Ganz im Gegenteil, dann hat das Paar schon viele wertvolle Zeit verloren, in der vieles zu kitten gewesen wäre.
Wann soll ein Paar in die Therapie?
Thomas: Wir erleben die ganze Spannbreite. Unsere jüngsten Klienten sind 19, die ältesten Mitte 70. Wenn wir wählen könnten, würden wir uns wünschen, dass Kinder schon im Kindergarten unsere Infos bekommen. Das grösste Geschenk, das sich ein Paar machen kann, ist meiner Meinung nach schon kurz nach dem Zusammenkommen ein Coaching zu besuchen.
Jeannette: Am besten bevor man Kinder bekommt. Dann hat man schon Kontakt zu den treibenden Themen. Kinder sind nämlich die besten Spiegel, um uns dahin zu bringen, wo wir noch nicht hingeschaut haben. Es ist drum einfacher und angenehmer, wenn man das schon im Vorfeld quasi erledigt hat.
Und wann soll sich ein Paar trennen?
Thomas: In den meisten Fällen ist das gar nicht nötig. Wenn man den Zugang zu sich und zum Gegenüber findet, ist ein Zusammensein und Zusammenbleiben nicht nur realistisch, sondern bereichernd und einfach. Natürlich braucht es dafür ein Commitment, zu sich selber und zum Gegenüber. Ist das gegeben, kann ein Paar sehr gut in den Prozess gehen.
Jeannette: Wir hatte gerade ein Paar, das 50 Jahre Krieg geführt hat und sich sehr fern war. In der letzten Sitzung sassen sie da, hielten Händchen und fühlten sich wieder sehr nahe, verbunden, glücklich und zufrieden. Das hat uns sehr berührt. Wir sind sicher, dass sich zu viele Paare bekriegen. Und wir sind sicher, dass man diese Kriege beenden kann.
Jeannette Hansen Schärer (49) und Thomas Schärer (52) sind ein Coaching- und Ehepaar. Aus ihrer 26-jährigen Ehe sind zwei erwachsene Jungs, 21 und 26, entstanden. Als Coaches haben Hansen Schärer und Schärer vor rund 10 Jahren auch beruflich zusammengespannt. In ihren Coaching-Räumlichkeiten in Riniken, AG, bieten sie Paarberatungen sowohl vor Ort als auch online an.
Zusätzlich zu ihren Coaching-Ausbildungen und ihren Erfahrung hat das Paar hunderte von Büchern gelesen, Workshops, Seminare oder Retreats besucht. Ende 2024 erscheint ihr erstes Buch «Raus aus der stillen Trennung».