Ganz junge und ganz alte Menschen haben mehr gemeinsam, als man auf den ersten Blick denken mag. Wer selbst schon betagte Familienmitglieder pflegte, weiss umso besser, wie ältere, pflegebedürftige Menschen plötzlich wieder ganz kindliche Umgangsformen annehmen. Da liegt es also auf der Hand, dass Kinder und Betagte sich doch eigentlich bestens verstehen müssten – oder? Und doch ist der Besuch im Altersheim bei den Ur-Grosseltern für gewisse Kinder eher eine langweilige Pflicht, als eine Freude – vielleicht auch darum, weil wir selber kein Fan vom Besuch im Altersheim sind?
Mit der richtigen Herangehensweise kann ein Besuch bei der ältesten Generation allerdings eine wundervolle Sache sein – für die Betagten ist Kinderbesuch eine willkommene Abwechslung zum Alltag, sie bekommen Aufmerksamkeit und fühlen sich weniger einsam – aber auch für Kinder kann der Besuch viel Bereicherung bringen. Denn: Betagte haben Zeit. Ein Gut, das bei den Eltern (und gar Grosseltern) oft Mangelware ist. Ur-Oma zückt mitten im Spiel vermutlich nicht plötzlich das Smartphone aus dem Sack – ihre Aufmerksamkeit gehört ganz dem Kind. Mit den folgenden Tipps wird der nächste Besuch im Altersheim garantiert ein Erfolg:
Die richtige Vorbereitung
Vor dem (ersten) Besuch im Altersheim macht es auf jeden Fall Sinn, dem Kind zu erklären, was ein Altersheim überhaupt ist. Dass da eben nicht nur Ur-Oma oder Ur-Opa wohnen, sondern noch viele andere Seniorinnen und Senioren, die unterschiedlich fit oder gebrechlich sind. Dass es da Menschen gibt, die vielleicht nicht gut hören und man lauter sprechen muss, und Menschen, die im Rollstuhl oder am Gehstock sind. Wie sollen wir uns da als Familie verhalten, damit wir niemanden gefährden. Auch das Thema Demenz kann kindergerecht erklärt werden – je nach dem, in welchem Zustand die eigenen Angehörigen im Altersheim sind, sollte man sich gemeinsam mit dieser Thematik auseinandersetzen.
Auch einige grundsätzliche Regeln sind gut (Rücksicht nehmen im Tempo oder der Lautstärke etwa), aber nicht zu viele. Das Altersheim soll für die Kleinen ein möglichst freier, unverfänglicher Ort bleiben, wo man gemeinsam Spass haben kann.
Begrüssungsritual
Das Kind darf selber entscheiden, ob sie Ur-Opa zur Begrüssung einfach Hallo sagen, die Hand schütteln, oder ob es eine Umarmung oder ein Küsschen geben möchte und soll zu nichts davon gezwungen werden – auch wenn Ur-Oma noch so gerne ein Bussi möchte. Als liebevolle Alternative möchte das Kind seinen Ur-Grosseltern dafür ja vielleicht ein kleines Geschenk wie eine Zeichnung oder etwas Selbstgebasteltes mitbringen und bei der Begrüssung überreichen?
Basteln ist für Jung und Alt
Oder nehmt einfach Papier, Stifte oder anderes Bastelmaterial mit ins Altersheim, so dass Kinder und Betagte gleich gemeinsam ans Werken gehen können! Ein toller Zeitvertreib, der nicht nur den Kindern Spass bereitet – in fast allen Pflege- und Altersheimen gibt es Bastelnachmittage, Wände und Fensterscheiben werden dekoriert, und so weiter – Beschäftigungen, die Betagte auch mit körperlichen oder psychischen Beeinträchtigungen nachgehen. Können sie mit ihren Urenkeln etwas gestalten, verbindet das bestimmt die Generationen.
Auf Entdeckungsreise gehen
Im Altersheim gibt es viel zu entdecken – und vielleicht können die Kids das gemeinsam mit ihren Ur-Grosseltern auf eine für sie neue und aufregende Art tun: Etwa, indem sie die Betagten im Rollstuhl stossen dürfen (oder im Elektrorollstuhl mitfahren). Geht Ur-Opa am Gehstock, nimmt das Kind sich vielleicht auch einen, um mit ihm umherzuspazieren. Kinder sind unvoreingenommen gegenüber Mobilitätseinschränkungen und finden HIlfsmittel wie Rollator und Co. meistens sehr aufregend.
Dürfen die Kinder den Betagten aktiv bei Dingen helfen, gibt ihnen das ein gutes Gefühl, gebraucht zu werden (etwa beim Rollstuhlstossen, etwas tragen oder reichen). Denn die Kleinen sind sich gewohnt, dass ihnen Erwachsene fast überall körperlich überlegen sind – im Altersheim ist das vielleicht anders und Kinder lernen, ihre Stärken zu spüren.
Wenn Kinder gebraucht werden und sie helfen dürfen, ist das eine schöne Bestätigung und stärkt das Selbstwertgefühl.
imago/MITOVielleicht besuchen Urenkel und Urgrosseltern gemeinsam die Altersheim-Haustiere oder erkunden die Gartenbeete. Oder Ur-Grosi zeigt den Kleinen, wo die Altersheimküche ist – auch hier werden noch rüstige Rentner oft mit Ämtli eingebunden – vielleicht dürfen die Kleinen gleich mitanpacken?
Grosi ist die beste Geschichtenerzählerin
Erinnert ihr euch noch daran, wie euer Grosi euch jeweils die tollsten Geschichten erzählt hat? Vielleicht erzählt sie diese ja nun auch euren Kindern! Macht das Gedächtnis nicht mehr ganz so mit, erzählt sie ihnen vielleicht auch irgendetwas anderes, aus der eigenen Jugend etwa, auch das können schöne Geschichten für Kinder sein.
Natürlich darf das Kind auch selber ein Büchlein mitbringen, das es gerne mit dem Ur-Grosi oder Ur-Opa anschauen möchte. Oder vielleicht denkt es sich einen Witz aus, mit dem es die Ur-Grosseltern zum Lachen bringen möchte?
Opa war schon immer ein guter Geschichtenerzähler – warum also nicht auch als Ur-Opa?
IMAGO/Funke Foto ServicesTraditionelle Lieder
Traditionsbehaftetes an die nächste Generation übergeben – für uns oft gar nicht so einfach. Oder singt ihr etwa einfach so aus dem Stegreif «Vo Luzärn gäge Wäggis zue», «es Burebüebli», «i dr Schwyz» und «Det äne am Bärgli»? Senioren wahrscheinlich eher als ihr – vielleicht lehren sie euren Kindern eines der tradtionellen Lieder und können zusammen singen oder Musik hören.
Spiele mitbringen
Apropos Tradition: Sind eure Grosseltern angefressene Jasser? Vielleicht geben sie diese Tradition gerne an die jüngste Generation weiter oder lehren sie spielerisch ein «Tschau Sepp». Jasskarten und -teppich finden sich garantiert in jeden Altersheim – ihr könnt aber auch selber ein Spiel mitbringen, das die Kleinen mit den Ur-Grosseltern spielen können. Das schöne an Tischspielen ist, dass die Betagten hier auch mit Mobilitätseinschränkungen voll dabei sein können. Ein Puzzle oder Memory, ein Uno oder eine Runde Brändi Dog sind Spiele, die sich bestens für alle Altersgruppen eigenen.
Zvieri-Pause
Im Altersheim gibt es genauso eine Znüni- oder Zvieripause wie in der Schule oder im Kinderhort. Können Jung und Alt die Snack-Pause gemeinsam verbringen, ist das ebenfalls ein bindender Moment. Vielleicht hat das Kind ja zuhause gar mitgeholfen, Guetsli oder einen Kuchen zu backen, den ihr mitbringt und dann gemeinsam verschlingt? Ausserdem bietet das Zvieri weitere Möglichkeiten für die Kinder, den Seniorinnen zu helfen (Wasser einschenken, Kuchen reichen etc.)
Besuch kurz halten
Die Konzentrationsfähigkeit ist auf beiden Seiten kurz, bei Kindern genau so wie bei Betagten. Darum sollte der Altersheimbesuch sich nicht unnötig in Länge ziehen. Lieber regelmässig für eine knappe Stunde vorbeigehen, als nur zweimal im Jahr für einen ganzen Nachmittag. So bleibt der Besuch für beide Seiten angenehm und man kann sich beim Verabschieden schon aufs nächste Mal freuen.
Erlebtes verarbeiten
Auf dem Nachhauseweg dürft ihr mit euren Kids das Erlebte gerne noch einmal reflektieren und wo nötig erklären. Hat Ur-Oma heute komische Dinge ohne Zusammenhang erzählt oder ist Ur-Opa plötzlich einfach eingeschlafen? Ist auf dem Flur jemand umgefallen oder seid ihr jemandem begegnet, der euer Kind eingeschüchtert hat? Redet mit dem Kind darüber und erklärt, warum solche Dinge im Altersheim eben passieren können.
Je natürlicher ihr mit dem Thema Altern und Gebrechen umgeht, umso normaler sind diese Dinge auch für Kinder. Haben sie gemeinsam mit ihrem ältesten lebenden Vorfahren auch noch etwas Cooles erlebt oder gemacht, freuen sie sich bestimmt schon auf das nächste Treffen.