Man muss nicht direkt verwundet werden, um die Gräuel des Krieges am eigenen Leib zu erfahren. Denn in Zeiten eines bewaffneten Konflikts ist nichts mehr so, wie es vorher einmal war. Der Horror hinterlässt buchstäblich Spuren in den Gesichtern der Betroffenen – und das geht auch an einem Präsidenten nicht einfach so vorbei.
Auf Twitter geben zwei Bilder von Wolodimir Selenski zu reden. Sie zeigen das ukrainische Staatsoberhaupt einmal einen Tag vor dem Ausbruch des Krieges Ende Februar und auf einem zweiten Foto vom 4. April bei seinem Besuch in der Stadt Butscha. Nur gerade 41 Tage liegen zwischen den beiden Aufnahmen, doch wird sofort offensichtlich, wie der Krieg den 44-Jährigen gezeichnet hat.
Selenski wirkt auf dem Bild aus dem Kiewer Vorort sichtlich mitgenommen, kann den Schmerz und die Trauer angesichts der verheerenden Bilder von hunderten getöteter Zivilisten kaum verbergen. Er hat Augenringe (was wohl auch seinem Schlafmangel zugeschrieben werden kann) und sein Gesicht weist tiefe Furchen auf. Kaum zu vergleichen mit dem Präsidenten, der noch bis vor kurzem mit frischen Teint und im Anzug seinen Amtsgeschäften nachging.
Und die sichtbaren Veränderungen Selenskis werden auch auf Twitter emotional diskutiert. «Ein ehrenwerter Mann mit Rückgrat und Haltung!» steht da etwa geschrieben. Eine Frau schreibt: «Wolodimir Selenski besuchte heute Butscha. Sein Gesicht sagt dabei alles.» Ein weiterer User kommentiert: «Krieg hinterlässt Spuren in Gesichtern.»
Selenski hat sich seit Ausbruch des Angriffskriegs durch Russland zu einem eigentlichen Volkshelden entwickelt. Er ist im Ausland zum Gesicht der Ukraine geworden, zum Gesicht der vielen unschuldigen Opfer. Erst 2019 war aus dem Schauspieler ein Staatspräsident geworden, jetzt erlebt er gerade die intensivste Zeit seines Lebens, nicht nur als Politiker, sondern auch als Mensch. Ein Mann, der unermüdlich Durchhalteparolen an sein Volk richtet: «Ich bin hier. Wir werden nicht aufgeben. Wir werden unser Land verteidigen.»