Hunde sollen bekanntlich fühlen, wenn es einem nicht gut geht. «Nur Jakob merkt das normalerweise eigentlich nicht», sagt Leonard, 57, mit einem feinen Lächeln über sein Mischlingshündchen. Vielleicht ist es ja nur Zufall, dass der knapp zehnjährige Vierbeiner in der Nacht vom 14. auf den 15. September zu seinem Herrchen ins Bett kommt – «etwas, was er sonst nie tut». Trost hat der Schlagerstar auf jeden Fall nötig. Denn seit dem Telefonat mit seinem Bruder Felix, 59, an jenem Nachmittag ist nichts mehr, wie es war: «Sie haben ihn gefunden. Er ist tot.»
Stunden zuvor erscheint der sonst sehr zuverlässige Christoph Schenker, 61, nicht bei der Arbeit. Der Arbeit-geber schlägt Alarm. Man findet Christoph leblos auf einer Wiese in Gretzen- bach SO, nahe seines Hauses. Offenbar hat sich sein Modellflieger in einer Stromleitung verfangen, Christoph will ihn mit einer Aluminiumstange herunterholen und wird dabei von einem Stromschlag getötet. «Er muss gedacht haben, das sei ein Telefonmast. Anders kann ich es mir nicht erklären», meint Leonard leise. Und weiter: «Eine Sekunde. Ein falscher Entscheid. Es ist für mich immer noch so surreal.»
Das Blättern im Fotoalbum entlockt Leonard ein Lächeln. Die Kindheit in Seedorf UR als dritter von vier Buben ist schön und unbeschwert. Auch wenn Carlo – so Leonards richtiger Name –immer wieder mal einstecken muss vom ältesten Bruder. Christoph steht auf Hardrock, Leonard liebt schon als Bub Schlager. Ideale Voraussetzungen für Sticheleien. «Einmal zerkratzte er sogar meine Lieblingsplatte von Monica Morell. Das war richtig fies.»
Umso mehr muss Leonard schmunzeln, als Christoph ihn vor vier Jahren anruft und erzählt, er habe einen tollen Radiosender entdeckt – Schlagerparadies. «Nach dem Tod meiner Eltern ist mit meinem Bruder ein weiteres Stück meiner Kindheit gestorben.» Als Leonard nach Felix’ Anruf das Handy hinlegt, hat er keine Ahnung, was er machen soll. Unter Schock geht er in den oberen Stock – und packt mechanisch CDs ein.
Sein neustes Werk «Lachen und Weinen» steht kurz vor der Veröffentlichung. Stoppen kann er diese nicht mehr. «Natürlich habe ich mir überlegt, ob ich Interviews geben soll. Ich möchte auf keinen Fall, dass es so aussieht, als würde ich Christophs Tod für Werbung für mein Album missbrauchen.» Leonard entscheidet sich dafür, geht kurz darauf auf Promo-Tour nach Deutschland. «Der Tod wird in unserer Gesellschaft tabuisiert. Aber er gehört zum Leben. Wenn ich als Künstler, der Erlebtes in der Musik verarbeitet, nicht darüber rede, was mir passiert ist – wer dann?» Über den tragischen Unfall zu reden, helfe ihm auch beim Verarbeiten. «Auf meinem Album hats mindestens drei Lieder, die sich mit dem Thema Endlichkeit befassen. Tragisch, dass diese jetzt plötzlich noch mal eine ganz andere Aktualität bekommen für mich.»
Jakob sieht sein Herrchen mit grossen Augen an. Leonard legt die Fotos aus der Hand, streichelt dem Hund über den Kopf. «Ich muss mein Leben weiterleben. Das hätte auch Christoph gewollt.» Und vor allem will das Jakob. Es ist nämlich Zeit für seinen Spaziergang. Auch ein solcher ist tröstlich.