Über 150 Augenpaare blicken gespannt in den Himmel, die Kinder haben die Nasen weit nach oben gereckt. Dann – ein Geräusch. Dumpf, rhythmisch, wie Schläge eines Teppichklopfers. Als plötzlich ein Rettungshelikopter aus dem dichten Nebel auftaucht, schreien die Kinder auf dem Schulhof in Boniswil AG begeistert. Freudig wird der erwartete Gast herbeigerufen: «Gölä! Gölä! Gölä!»
Mit breitem Grinsen steht der 56-jährige Musiker auf den Landekufen und winkt seinen kleinen Fans zu. Er kommt nicht zum Spass, sondern mit einer wichtigen Botschaft. «Keine isch z chli, ä Läbesretter z si» – was der Büezer der Nation gemeinsam mit den Schwiizergoofe im neuen Song «144» singt und direkt auf dem Sportplatz zum Besten gibt.
Zweite Chance für den wilden Kerl
Initiant dieser Veranstaltung und des Projekts «Kinder lernen retten» ist Jürg Fleischmann (62). Er ist Pilot und Geschäftsinhaber der Alpine Air Ambulance (AAA). Sein Ziel ist es, die nationale Notrufnummer 144 bekannt zu machen und die Kinder für die Erste Hilfe und rasches Handeln zu schulen. «Das ist eine Herzensangelegenheit», sagt er. «Im Alltag erlebe ich immer häufiger, dass Erwachsene Notsituationen ignorieren oder diese eher mit dem Handy festhalten, statt zu reagieren. Kinder gehen wachsamer durchs Leben und sind begeisterungsfähig. Darum müssen wir die neue Generation sensibilisieren.» Gölä pflichtet bei: «Die Kleinen sind unsere Zukunft. Sie können richten, was den früheren Generationen entglitten ist.»
Kennen sich seit bald 15 Jahren: Mundart-rocker Gölä und Helikopterpilot Jürg Fleischmann (r.).
Kurt ReichenbachDer vierfache Vater weiss seit jungen Jahren, weshalb jede Sekunde zählt. «Ich war schon immer ein wilder Kerl», sagt er und spielt damit auf seinen früheren Drogenkonsum an. Die Folge: ein Schlaganfall mit 25! «Ich bin froh, dass damals so schnell Hilfe gekommen und alles gut ausgegangen ist. Das war definitiv ein Wendepunkt in meinem Leben.»
Doch nicht nur die eigene Erfahrung hat ihn zum Mitmachen bei diesem Projekt bewegt, sondern auch die langjährige Freundschaft mit «Jüre». «Er hat mich 2011 beim Konzert mit dem Heli in die Arena Thun eingeflogen. Seither sind wir immer wieder zusammen unterwegs – am Boden und in der Luft.»
Mit Tennisbällen zu Lebensrettern
Nach dem Mini-Konzert auf dem Schulhof begeben sich die Viert- bis Sechstklässler in die Turnhalle, wo sie mit Erste-Hilfe-Instruktorinnen die stabile Seitenlage üben, mit Luftballons das Beatmen von Verunfallten nachstellen und mithilfe von Tennisbällen die Herzdruckmassage lernen. Im passenden Takt wird «Eins, vier, vier» gesungen, wie es der Songtext vorgibt. «Ein voller Erfolg», resümiert Gölä, ehe er wieder in den Helikopter steigt, aus der Luft noch einmal winkt und im sich lichtenden Nebel verschwindet.
Gemeinsam anpacken: Die Schwiizergoofe sollen den «verunfallten» Gölä in die stabile Seitenlage hieven.
Kurt ReichenbachMehr zum Projekt und zum Anmeldeformular für Schulen unter: www.kinder-lernen-retten.ch