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  4. Nati-Goalie Yann Sommer über sein Leben in Italien, die Schweiz und die Wichtigkeit von Humor
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Fast zehn Jahre ist es her, seit Yann Sommer zum letzten Mal in der Schweiz gewohnt hat. Nach Deutschland lebt der Nati-Goalie mit seiner Familie nun in Italien. Als Botschafter für Schweiz Tourismus Italien entdeckt er nun die Jungfrau-Region und probiert auf dem Brienzersee Winter-kayaken. Sina Albisetti
Nati-Torhüter Yann Sommer:

«Ich vermisse die Schweiz»

Seit fast zehn Jahren ist Yann Sommer Torhüter bei Top-Klubs im Ausland. Zeit für Ausflüge in die Berge hat er kaum. Als Botschafter für Schweiz Tourismus in Italien, wo er momentan spielt und lebt, entdeckt er sein Heimatland neu – und spricht über sein Verhältnis zu diesem.

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Sein Terminkalender ist dicht. Ein freier Tag pro Woche muss Yann Sommer(35) reichen. Und den nehmen normalerweise seine Frau Alina (33) und die Töchter Mila (3) und Nayla (2) in Anspruch. Doch für einmal gibts einen Abstecher in die Heimat: Als Botschafter für Schweiz Tourismus in Italien entdeckt unser Nati-Goalie Interlaken und die Jungfrau-Region. Für den ehemaligen FC-Basel-Spieler eine Besonderheit, steht er doch seit fast einem Jahrzehnt im Ausland zwischen den Torpfosten. Seine Verdienste bei Borussia Mönchengladbach brachten ihm diverse Auszeichnungen. Und nach einem kurzen Gastspiel mit Meistertitel bei Bayern München ist der Baselbieter, der in Morges VD geboren wurde, nun bei Italiens Top-Klub Inter Mailand unter Vertrag. Der Schweizer Illustrierten gewährt er einen exklusiven Blick hinter die Kulissen seiner Reise ins Berner Oberland – und erzählt, was er von seiner Heimat vermisst, wie er als Vater tickt und wobei er sich nicht reinreden lässt.

Yann Sommer, wie gut kennen Sie die Schweiz?

Als kleiner Bub habe ich viel gesehen von unserem Land. Aber jetzt bin ich schon lange im Ausland, daher ist mir der Schweizer Alltag nicht mehr so präsent.

Waren Sie schon einmal auf dem Jungfraujoch?

Nein, ich bin erstmals hier.

Ihr Eindruck?

Megaschön! Es ist ein kraftvoller, cooler Ort. Er hat etwas Spezielles. Ich liebe es, in den Bergen zu sein. Sie interessieren sich ja für Fotografie und Architektur.

Welche Bilder haben sich Ihnen eingeprägt?

Der Grindelwald Terminal mit dem speziellen Lichteinfall. Die Fensterwand und der glatte Beton auf der Station Eigergletscher im Kontrast zu den schroffen Felswänden. Und natürlich die wunderschönen schneebedeckten Tannenwälder, über die man in der Gondel hinweggleitet. Die Region Jungfrau-Aletsch gehört zum Unesco-Welterbe.

Wie wichtig ist es, diese Natur für die Nachwelt zu bewahren?

Es ist extrem wichtig, dass jeder seinen kleinen Teil dazu beiträgt, diese einzigartige Bergnatur zu schützen. Ich wünsche mir, meinen Kindern in einigen Jahren auch noch Schnee und Gletscher zeigen zu können.

Yann Sommer, Fussballtorhüter

«Schlifere» im Eispalast: Yann Sommer macht es Spass, im Gletschertunnel auf altem Eis zu rutschen.

Kurt Reichenbach

Als Spitzensportler reisen Sie viel. Wie gestalten Sie Ihr Leben dennoch nachhaltig?

Im Sport ist der Termindruck gross, daher kann man Umweltkriterien nicht immer gerecht werden. Aber auch bei Inter Mailand reisen wir öfter mit dem Zug. Zu Hause versuche ich, Nachhaltigkeit zu leben und sie meinen Kindern mitzugeben. Es sind kleine Dinge – wie zum Beispiel ab und an auf Fleisch zu verzichten.

Sie sind Botschafter von Schweiz Tourismus in Italien. Warum wollen Sie den Menschen die Schweiz näherbringen?

Weil ich weiss, wie schön die Schweiz ist. Allerdings ist das nicht ganz einfach, weil die Italiener zu Recht stolz sind auf ihr eigenes Land. Umso cooler ist es, wenn ich Menschen aus Italien dazu bewegen kann, die Schweiz zu entdecken. Ihre Kinder sind in Deutschland aufgewachsen, leben jetzt in Italien.

Wie erklären Sie ihnen die Schweiz?

Meine Töchter sind noch relativ klein. Aber sie verstehen, dass wir jetzt nicht mehr in Deutschland wohnen, sondern in Italien. Und sie wissen auch, dass sie Teil einer Schweizer Familie sind. Ich erkläre es ihnen einfach so: Hey, der Papi kommt aus der Schweiz, das ist dort, wo Opa und Oma wohnen. Das funktioniert gut.

Vermissen Sie manchmal die Schweiz?

Klar! Die Schweiz ist meine Heimat. Meine Familie ist in der Schweiz, viele Freunde auch. Sie vermisse ich manchmal genau wie die Berge und andere Kleinigkeiten, die ich von Kind an kenne. Trotzdem: Ich fühle mich wohl, wo ich jetzt bin. Wie oft kommen Sie zu Besuch? Der Spielplan in Italien ist noch dichter als in Deutschland – nicht einmal über die Festtage schaffte ich einen Heimatbesuch. Aber wir wohnen nicht weit weg von der Schweizer Grenze, so sind wir auch viel im Tessin. Das gibt mir ein Heimatgefühl – und viel Kraft. Ich kann gut auftanken in der Schweiz.

Wollen Sie mit Ihrer Familie irgendwann zurückkehren?

Es ist auf jeden Fall eine Idee, aber im Moment noch keine konkrete.

Auch Musik ist Ihr Hobby. Wie gefällt Ihnen unsere Nationalhymne?

Darf ich ehrlich sein? Unbedingt! Sehr gut! Sie ist Teil der Schweiz. Ich singe sie mit viel Stolz, weil ich es als grosse Ehre empfinde, für meine Heimat Fussball spielen zu dürfen. Aber sie dürfte von mir aus ein bisschen peppiger sein.

Yann Sommer, Fussballtorhüter

Yann Sommer beim Frühstück in seiner Suite im «Victoria-Jungfrau». Sein Outfit – die Winterkollektion von Armani – hat er selbst ausgewählt.

Kurt Reichenbach

Sie gelten als Perfektionist. Eine Schweizer Tugend, die Sie verkörpern wollen?

Im Sport und im Leben ist man nie perfekt. Aber ich will aus meinem Körper alles herausholen, um die bestmögliche Leistung zu bringen. Im Privatleben versuche ich, den Perfektionismus etwas auf die Seite zu legen, gerade als Familienvater. Ich bin locker, aber mit Prinzipien.

Und wann sind Sie streng?

In gewissen Momenten. Alle, die Kinder haben, wissen, dass sich Strenge hin und wieder lohnt.

Perfektionismus und italienisches Dolce Vita – passt das zusammen?

Klar, in Italien erlebe ich eine andere Mentalität als in Deutschland. Im Training bin ich aber auch da von Leuten umgeben, die höchste Ziele erreichen wollen und alles dafür geben.

Können Sie über sich selbst lachen?

Sehr gern sogar! Selbstironie ist mir wichtig. Für viele sind Sie ein Vorbild.

Wie fühlen Sie sich als Idol?

Auch ich hatte meine Idole. Als kleiner FCB-Junior bewunderte ich Pascal Zuberbühler. Stefan Huber oder Swen König. Natürlich war auch Gianluigi Buffon immer ein Vorbild. Ich finde es schön, wenn heute Kinder und Jugendliche in mir eines sehen.

Yann Sommer, Fussballtorhüter
Kurt Reichenbach

Sind Sie eitel?

Nicht übertrieben. Ich pflege mich so, wie ich mich wohlfühle.

Haben Sie Stilberater, oder kaufen Sie Ihre Garderobe selbst?

Das mache ich selbst. Da lasse ich mir nicht dreinreden. Sie sind 35 Jahre alt. Denken Sie darüber nach, was nach dem Fussball kommt?

Nein. Ich geniesse es noch sehr zu spielen – jetzt gerade bei Inter Mailand mit all den Emotionen, die das mit sich bringt. Körperlich und mental gehts mir gut, ich will alles geben. Im Sommer kommt die Fussball Europameisterschaft.

Was bedeutet das für Sie?

Sehr viel! Jedes Turnier mit der Nationalmannschaft ist eine grosse Sache. Wir möchten als Mannschaft unser Land stolz machen und die Fans begeistern.

Fühlen Sie sich unter Druck?

Der ist ja immer da, aber ich bin gewohnt, mit ihm umzugehen. Du musst halt alle drei Tage gewinnen (lacht). Dann können Sie auch einen Tag wie heute geniessen? Ja, weil mich das in eine ganz andere Welt versetzt und mich mit anderen Leuten zusammenbringt. Ich sauge alles auf, nehme alles wahr, schalte ab. Das tut mir sehr gut.

Von Zeno van Essel am 21. Januar 2024 - 07:00 Uhr