Michela Figini (58) ist eine Ikone des Schweizer Skisports: Olympiasiegerin, Weltmeisterin, zweifache Gesamtweltcup-Siegerin. Während sie ihre ganze Rennkarriere auf höchster Ebene in sieben Jahren im Schnelldurchlauf erlebte, hat Lara Gut-Behrami (33) soeben ihre 17. Weltcupsaison hinter sich gebracht. Für Figini sind allein diese Beständigkeit und diese Ausdauer herausragende Merkmale: «Ich kann mir nicht vorstellen, wie man sich so lange an der Weltspitze halten und sich immer wieder von Neuem motivieren kann. Das braucht eine unglaubliche Kraft – vor allem auch psychisch.»
Der Ski-Weltcup sei ein Prozess, bei dem im Herbst immer alles von vorne beginne – und vieles immer ähnlich ablaufe: dieselben Orte, dieselben Reisen. Das mache die Herausforderung mit zunehmender Karrieredauer wohl noch grösser, sagt Figini.
In den 1980er-Jahren mischte sie die Szene als Teenager auf. Mit 17 wurde sie Olympiasiegerin. Im jugendlichen Alter von 24 Jahren trat sie zurück: «Für alles gibt es eine Zeit, ich hatte damals im Ski alles erreicht, was ich wollte.»
Ist in den goldenen 1980er-Jahren eine der erfolgreichsten Schweizerinnen: Michela Figini wird auf Händen getragen.
KeystoneHeute ist Figini zweifache Mutter und Unternehmerin – in The Padel Lab. In Biasca, einer Halle für Paddel-Tennis und andere Sportaktivitäten. Im selben Gebäudekomplex möchte Figini das Tessiner Sportmuseum eröffnen: «Man soll die Helden der Geschichte ehren.» Dort wird es auch Raum für Figinis Tessiner Nachfolgerin an der Weltspitze haben, für Lara Gut-Behrami. «Lara erhält einen Ehrenplatz im Museum», sagt Figini lachend. «Es wäre ein Privileg, wenn sie uns das eine oder andere Exponat zur Verfügung stellen würde.» Mit Lara Gut-Behrami verbindet Figini – neben ihrer Extraklasse auf Ski – die Liebe zum Hockeyklub Ambrì-Piotta und die Erinnerungen an die ersten Grosserfolge im jugendlichen Alter, verbunden mit viel öffentlichem Druck.
Schon 17 Jahre an der Weltspitze
Im Fernsehen verfolgte die Olympiasiegerin von 1984 den Weltcupfinal in Sun Valley mit grossem Interesse – und höchstem Respekt vor den Leistungen von Lara Gut-Behrami: «Was sie im Super-G gezeigt hat, war schlicht phänomenal.» Dies sei umso höher einzustufen, als dass es in dieser Disziplin keine Trainingsmöglichkeiten gebe und man im Rennen das erste Mal auf der Strecke fahre: «Lara bewies, wie herausragend sie die Strecke lesen und die Situation antizipieren kann.» Dass sie das Rennen mit 1,29 Sekunden Vorsprung auf die zweitplatzierte Lindsey Vonn gewann, sei ein eindrücklicher Klassebeweis gewesen: «Ein solcher Vorsprung lässt sich auf diesem Niveau schon fast nicht mehr erklären.» Dass Gut-Behrami aber selbst bei den Männern, die (als Novum) auf dem exakt gleichen Kurs fuhren, in die Top Ten vorgestossen wäre, zeige ihre Ausnahmestellung in dieser Disziplin.
Dies lässt sich auch durch Zahlen belegen: Lara Gut-Behrami hat (geschlechterübergreifend) als erste Person sechsmal die Jahreswertung im Super-G gewonnen. Am Tag darauf knackte sie mit ihrem Sieg im Riesenslalom, dem 48. im Weltcup insgesamt, die Marke von 100 Podestplätzen. Lara Gut-Behrami ist die erste Frau, die in drei verschiedenen Disziplinen (Abfahrt, Super-G und Riesenslalom) mindestens zehn Siege errungen hat.
Für Michela Figini sind diese beeindruckenden Statistiken das Resultat von Gut-Behramis «unglaublichem Siegeswillen» – aber auch davon, dass sie sich mit Federica Brignone einer Konkurrentin gegenübersieht, die ähnliche Qualitäten mitbringt: «Auch Federica will stets gewinnen, auch sie hat vom Skifahren und vom Erfolg nie genug.»
Die doppelte Michela: Figini probt mit ihrer besten «Kollegin» für das Sportmuseum.
Joan MinderDafür fehlen ihr fast die Worte, sagt Figini tief beeindruckt – und sieht in dieser Konkurrenz auch einen wichtigen Grund für die grandiose Super-G-Leistung von Lara Gut-Behrami in Sun Valley: «Sie wusste genau, dass sie am Limit fahren muss, um zu gewinnen. Und wenn eine Ausnahmeathletin wie Lara unter diesen Bedingungen ein perfektes Rennen zeigt, ist das Resultat schlicht grandios.»
Auf die Frage, wer denn nun die grösste Tessiner Sportlerin oder der grösste Tessiner Sportler der Geschichte sei, will sich Michela Figini nicht einlassen. Zu schwierig sei es, Athleten verschiedener Generationen zu vergleichen. Man müsse in dieser Diskussion aber auch an den Schwimmer Noè Ponti denken. Von sich selber spricht Figini nicht – das würde ihr die Bescheidenheit verbieten. Dass aber auch ihr im Tessiner Sportmuseum ein Ehrenplatz sicher ist, versteht sich von selbst – passenderweise im gleichen Raum wie Lara Gut-Behrami.