Eigentlich muss er gar nichts mehr. Nur entspannen, sich zurücklehnen, den Alltag geniessen. Es ist genau das, was Mario Botta am wenigsten kann. Ferien sind ihm ein Graus. Das führt regelmässig zu Streit mit seiner Frau Maria. Weihnachten – Familie – Innehalten: «Oh Madonna! Das ist alles nichts für mich!» Selbst mit 80 Jahren ist sein Blick unbeirrt auf die Zukunft gerichtet. Gerade baut er in China einen Campus mit Fakultäten für mehrere Tausend Studenten. In Südkorea entsteht eine Synagoge mit blauem Innenraum, schön wie ein klarer Gedanke. Und im Elsass ergänzt er die Lalique-Traumwelt von Unternehmer Silvio Denz mit einem Edelresort samt Wellnessanlage.
Im Universum der klugen Ideen:Mario Botta hat in seinem Studio in Mendrisio TI keinen eigenen Arbeitsplatz. «Ich bin da, wo es mich braucht.»
Geri BornSignore Botta ist nicht zu bremsen. «Ich arbeite, bis ich umfalle. Ich kann mir keinen schöneren Tod vorstellen.» Wer ist der bescheidene Weltstar, der seit sechs Jahrzehnten Stadt und Land mit seiner Handschrift prägt? Banalen Schwimmbädern und Seilbahnstationen eine besondere Aura verleiht? Menschen dazu bringt, einen Berg zu erklimmen und in einer Kapelle Kraft zu tanken, selbst wenn sie mit Religion so wenig am Hut haben wie deren Erbauer selber? Die Granatkapelle im Zillertal ist so ein magischer Ort. Fast scheint es, als schwebe der Würfel auf der Krete. Ebenso eindrücklich: die Kirche von Mogno TI und die Cappella Santa Maria degli Angeli auf dem Monte Tamaro. Bottas Gotteshäuser sind für alle Menschen gedacht. Sie sind unabhängig von einer Glaubenszugehörigkeit Räume der Ruhe, Einkehr, Andacht und stillen Dankbarkeit.
Schräg: Capella Granata im Zillertal. Die Granatkapelle überzeugt durch ihre schlichte Formensprache. Für den Bau hat er edlen roten Sandstein aus den Vogesen verwendet. Der Architekt stemmt das Modell im Atelier.
Egal, ob man seinen Stil mag oder nicht: Es steht ausser Frage, dass Mario Botta die zeitgenössische Architektur geprägt hat. Von 600 Entwürfen konnte er während seiner langen Karriere 100 verwirklichen. Nur selten lässt sich der Stararchitekt in die Karten blicken. Nicht, weil er etwas zu verbergen hätte. Nein, er hat dafür schlicht keine Zeit. Hell, modern und lang ist sein Studio in Mendrisio, diskret die Dame am Empfang. Man sitzt auf erstaunlich bequemen Botta-Stühlen – und staunt. Poster, Modelle, Zeichnungen, Skizzen: Es ist, als befände man sich auf einer optischen Zeitreise. Vom Tinguely-Museum in Basel, der Kathedrale von Évry in Frankreich, der Banca del Gottardo in Lugano TI bis zur Seilbahn auf dem Gipfel des Monte Generoso ist alles dokumentiert.
Innenansicht der Granit-Kirche San Giovanni Battista, 1997 fertiggestellt in Mogno im Kanton Tessin. Die Kirche gilt als Kraftort.
KeystoneViele Bauwerke sind Ikonen, stehen für Souveränität, ohne protzig zu wirken. Sie sind ein Beweis für das Talent eines Besessenen, der in einem bescheidenen Bauernhaus in Mendriso aufwächst. Während andere Teenager mit ihrem frisierten Töffli in die Dorfdisco blochen, baut Super-Mario in Morbio Superiore TI bereits sein erstes Einfamilienhaus. Er ist gerade mal 16 Jahre alt. Die Lehre als Bauzeichner bildet das Fundament. Zehn Jahre zuvor trennen sich die Eltern. Den Vater sieht Mario nur einmal noch in seinem Leben. Die liebevolle Präsenz von Mutter, Grossmutter und Tante kompensieren das Fehlen des Oberhaupts in der Familie.
Offener Blick für die Welt. Für Mario Botta (Markenzeichen runde Brille, roter Bleistift) sind Ferien reine Zeitverschwendung. Er sagt: Ich arbeite, bis ich tot umfalle.
Geri Born
Dank seiner Resilienz und seiner charmanten mediterranen Art («Ich fühle mich Mailand verbundener als Zürich») hat es der ehemalige Lehrling weit gebracht. Mario Botta ist auf allen Kontinenten vertreten, ausser in Australien. Momentan beschäftigt er 15 Mitarbeitende. Alle haben einen eigenen Arbeitsplatz – nur der Patron nicht: «Ich bin da, wo es mich braucht.» Pläne werden ausgerollt, Modelle begutachtet, am Computer die nächsten Schritte besprochen. Die Atmosphäre? Bedacht, leise, sehr konzentriert. Man könnte ihm wochenlang über die Schulter blicken. Doch das würde ihn nur noch ungeduldiger machen. Denn Ungeduld ist eines seiner Markenzeichen. Sie treibt ihn an. Sorgt für immer neue kreative Höhenflüge. Dabei stellt sich eine Frage: Kann er seinen Erfolg überhaupt geniessen? «Erfolg ist egoistisch», sagt er schmunzelnd. «Ist das Bauwerk einmal vollendet, gehört es nicht mehr mir. Die Gemeinschaft muss nun damit leben. Aber ich mag die Idee, die Arbeit als Freude zu verstehen. Selbst wenn ich krank bin und mir der Körper Probleme bereitet, setze ich mich an den Tisch und zeichne – und schon geht es mir wieder besser.»
Botta schuf eine Bibliothek aus Holz, in die er selber gerne eintaucht (l.). Neuster Coup: Im Elsass entsteht für Lalique ein Hotelkomplex. Architekturstudentin Martina Mariani erklärt ihm die Idee.
Geri BornNicht der Erfolg ist ihm wichtig, sondern das Gefühl von Anerkennung, von Wertschätzung. «Bauen ist heilig, eine Art heiliger Akt. Ein Brückenschlag zur nächste Generation und immer auch ein grandioses Abenteuer. Wird mein Werk nach seiner Vollendung richtig interpretiert, war meine Arbeit gut.» Ein schwacher Architekt erschafft Mittelmass. Ein genialer Architekt wächst über sich hinaus. Ohne Durchhaltewillen und Mut geht es nicht. «Ich werde immer wieder von Zweifeln geplagt. Alles muss in die heutige Zeit passen, das Material, die Ausführung, die Idee. Oft erkämpfe ich mir die beste Lösung, muss auf politische, ökologische, emotionale Faktoren Rücksicht nehmen. Bauen ist eine hochkomplexe Angelegenheit. Ein Glück, raubt mir die ganze Mühsal nicht den Schlaf.» Botta schläft gerne und lange. Wie ein zufriedenes kleines Kind. Schlafen, schwärmt er, sei eine der schönsten Tätigkeiten überhaupt. An die Träume erinnert er sich nicht. «Sobald ich die Augen öffne, wird mir bewusst, was für ein Geschenk das Leben ist. Mit dem neuen Morgen sind alle Probleme des Vortags verblasst.»
Botta schuf eine Bibliothek aus Holz, in die er selber gerne eintaucht (l.). Neuster Coup: Im Elsass entsteht für Lalique ein Hotelkomplex. Architekturstudentin Martina Mariani erklärt ihm die Idee.
Geri BornSeltener Einblick: Das private Reich von Mario und Maria Botta ist eine helle Oase voller Kunst und wunderschönen Erinnerungen.
Geri Born
Um sechs Uhr früh bereitet ihm seine Frau Maria im lichtdurchfluteten Loft in Mendrisio einen Tee zu. Danach marschiert er in die Dorfbeiz, liest Zeitung, gönnt sich einen Espresso. Das Paar ist seit 55 Jahren verheiratet. Alle drei Kinder arbeiten seit 1998 im Büro des Vaters. «Ich habe sie nicht dazu gezwungen. Architektur ist ein grausames Geschäft. Manchmal wäre es mir lieber, sie hätten etwas anderes gelernt.»
Zu Hause im privaten Reich umgibt sich Mario Botta mit Kunst aus vielen Jahrzehnten. Er war und ist mit vielen internationalen Künstlern befreundet.
Geri BornDie Arbeit ruft. Sein Blick schweift ab. Eine letzte Frage, Mario Botta: Gibt es etwas, das von Ihnen noch gebaut werden muss? «Oh ja», kommt es wie aus der Pistole geschossen. «Ich träume schon lange von einem wunderschönen lichtdurchfluteten Kloster. Doch die Kirche ist in der Krise. Ich werde mich also beeilen müssen.»
Zackig: Feuerwehrturm in Mendrisio TI. Kürzlich erlaubte sich Botta einen Scherz: «Als Besucher das Modell sahen, blickte ich nach draussen und sagte: ‹Sind wir bei einem Auftrag nicht ganz sicher, bauen wir immer erst das Original.›»
Geri Born